german reviews



  ORPHX - Other Voices
PANACEA & NEEDLE SHARING & TARMVRED
PHILLIPE CAM - Karine
PLACID - Skull Ov A Pussy
PSYCHO BITCH - Eden
S.I.N.A. - Back In Stereo
SMASH TV - Now! ep
SQUAREPUSHER - Do You Know Squarepusher
SYNAPSCAPE - Raw
TARMVRED - Subfusc
ULVER - 1193-2003: 1st decade in the machines
VENETIAN SNARES - Doll Doll Dol
VROMB - Le Tourne-disque
V..A. - 2002 Agassi-im-Weltraum
V..A. - Jeff Recordings. Rough Beats From Peru & Trinidad 72-76
WILT - Amidst a Spacious Fabric

english reviews

accoustic drills



5F_FF - II (Hands)
Wenn wir uns schon in EDV-Symbolik bewegen, kann ich auch gleich “repeat” sagen. Auch die zweite CD von 5F_FF glänzt durch eigenwillige Gestaltung, sowie dem Hands eigenen Bork-Pack. Man begnügt sich weiter mit Hex-Codes als Titel. Leider fehlt einmal mehr ein echter Spannungsbogen in dieser Sammlung von rhythmischen Industrialstücken. Die angezerrte Bassdrum ist stilgebendes Element der Songs und treibt diese erbarmungslos durch die Minuten. In den Höhen schwirren schnelle Klicks, Knacksen und metallische Sounds herum, können aber nicht wirklich differenziet werden. Einzige der erste und der letzte Track gehen ein wenig in Richtung Dark Ambient. Der Rest ist an sich gut gemachter Industrial, der hin und wieder für einen Augenblick Drum’n’Bass Elemente durchflickern lässt. Im ganzen ist meiner Meinung nach zu wenig Abwechslung vorhanden, Puristen mögen das anders sehen. (MST) 10 Punkte

AGHAST VIEW - Phaseknox (Accession/EFA)

Wer sich einen stärker an Melodie orientierten Cleaner, der auch Trance-Einflüsse nicht scheut, vorstellen kann , der weiß, wie sich die Brasilianer AGHAST VIEW ungefähr anhören. Auch als ein zurückhaltenderer Vetter von Numb ließe sich das Klangbild auf ihrem dritten Album „Phaseknox“ denken. Ein Hauch von Dark Electro/Techno vervollständigt den guten Eindruck. Ein ’Opium of Lust’ dürfte dieses Werk aus dem fünftgößten Flächenland der Erde zumindest eine Zeit lang sein. Was findet sich da nicht alles Schönes. Um nur einiges zu nennen: das geradezu verträumte Instrumental ’Sliders’, das reizend quietschig-brummige ’Reason Hidden’ oder ’Hollowcore’, ein ordentlicher Ausklang des letzten Drittels, das sich eher an melodiösem EBM orientiert. AGHAST VIEW beweisen über 68 Minuten ihr Können, ohne dauernd abkupfern zu müssen. Das ist heute – leider – nicht mehr alltäglich. homepage (RH) 10 Punkte


AROVANE - Minth/ Neel (City Center Offices)

In the spring of 1999, a 7" record by arovane appeared in the shops. it was the first release on a new label both from manchester and berlin. since then, city centre offices has released another 11 7"s by respected artists as fizzarum, snd, static, the remote viewer etc. with this new 7" you hold in your hands, again by arovane, cco closes the 7" file for the time being. minth & neel are two wonderful, new tracks, exclusively recorded for this 7", exploring another yet unknown aspects of arovane's work. minth sounds like a rhythmic hommage to brian eno's thursday afternoon, while neel puts the world on hold and listens to a little piano. arovane was never more playful and careful. a new album for city centre offices is scheduled for early 2004. city centre offices will continue the idea of the 7" series with a run of 12"s, the first one will appear very soon.


ATIV - Rotation (Hands)
Mit dieser 12” ist Hands der Sprung in die Zukunft gelungen. Litt die Musikrichtung Industrial in den letzten Monaten doch immer mehr unter der starken Konkurrenz durch den Musikstil Electro, gelingt nun immer mehr Künstlern eine musikalische Metamorphose weg von statisch krachenden Beats hin zu flexibleren Klanggerüsten. ATIV sind bei Hands die ersten, die diesen Trend erkennbar machen. Die fünf Tracks sind für ein Industrial-Release ungewöhnlich vielseitig. Electrolastige Tracks gehen mit klassisch angehauchten Stücken eine beeindruckende Fusion ein und machen „Rotation“ zu einem der herausragenden Erscheinungen des Dortmunder Labels in den letzten Monaten. Respekt! (SK) 10 Punkte

BOARDS OF CANADA - Twoism (Warp/Zomba)
Das legendäre englische Label Warp hat endlich das mittlerweile vergriffene Debüt-Album der Ausnahmeformation BOARDS OF CANADA neu veröffentlicht. Ursprünglich 1995 auf ihrem eigenen Label Music 70 veröffentlicht, stellte „Twoism“ einen Meilenstein der damals noch jungen Musikrichtung IDM dar. Die gut strukturierten, atmosphärischen downtempo Tracks der Mini-LP überzeugen sowohl als einzelne Stücke wie auch als Gesamtkonzept. Die durchgehend ruhige Atmosphäre des Albums, die trippigen Beats und ab und an schrägen Melodien zeigten schon früh die Klasse des Duos auf, das es mittlerweile weltweit zu Ruhm und Ehre gebracht hat. Radiohead schwören auf BOARDS OF CANADA. Ich auch. (SK) 13 Punkte

CHRIS CLARK - Empty the bones of you (Warp)

Es gibt Personen, denen schon Neid gebührt. Chris Clark zum Beispiel, vielen bekannt als Nachwuchstalent der Musikschmiede WARP, hat sein Studium beendet und gleichzeitig die Songs für sein neues Album EMPTY THE BONES OF YOU fertiggestellt, quasi nebenher. Und trotzdem ist dieser zweite Longplayer des Briten ausgereift wie keiner seiner Vorgänger.
Mit EMPTY THE BONES OF YOU ist es dem Jungspund endlich gelungen, aus dem Schatten der Überväter APHEX TWIN und SQUAREPUSHER, Mitbegründer des IDM, herauszutreten und den Warpschen Klangkosmos um einige Facetten zu erweitern. Clark vermisch bekannte Elemente wie die zerhackten Loops mit minimalistischen Techno-Elementen Detroiter Machart, um dann wieder Klavierpartituren zu entfremden, mit lo-fi Gepiepse zu unterlegen um anschließend auf dem Klangtexturen-Highway seiner Kreativität freien Lauf zu gewähren. Filigran verbindet der Musiker Noise-Elemente mit Melodien, verschmelzt diese kurzeitig um dann die Symbiose abrupt zu bremsen. Doch nie wirkt das Album schwerfällig, überladen oder übertrieben. Vielmehr verspielt und mit einer Leichtigkeit umgesetzt, die den Hörer mitreist und auf diese leicht melancholische Reise mitnimmt, die jeder Winterdepression entgegenwirkt. Ein Highlight des Herbstes. 14/15 SK


CORDELL KLIER - Apparitions (Ad Noiseam/A-Music)
Seit gut zwei Jahren wird das Genre Experimental/Intelligent Dance Music (IDM) als der Hoffnungsträger der ansonsten stagnierenden Elektronik-Szene propagiert. Neben medienverwöhnten und Apple-gesponserten Laptop-Ikonen wie Kid 606 hat uns dieser Hype eine Vielzahl teils guter, teils rabenschlechter Veröffentlichungen beschert. CORDELL KLIERS neueste Veröffentlichung gehört definitiv zur Gruppe der guten Releases. "Apparitions" (deutsch: Erscheinungen) liefert auf 13 Tracks einen Gegenentwurf zum klassischen Easy Listening. Minimal arrangiert und akribisch produziert suchen die Tracks den direkten Weg ins Unterbewusstsein des Hörers. Die Glitches, kurze, verfremdete Sample-Fragmente, wirken wie Lichtreflexe auf einer unruhigen Oberfläche: intensiv, kurzlebig, unberechenbar blitzen sie kurz auf und verschwinden wieder im Fundament dunkler Drones. Sie erinnern an aufflackernde Symbole auf einem ansonsten dunklen Bildschirm und suchen die Assoziation anstatt der Aussage. Durch diesen unsteten, flüchtigen Sound wird "Apparitions" seinem "geisterhaften" Titel durchaus gerecht.
Die Leistung CORDELL KLIERS bei diesem Release liegt in der Durchgängigkeit der Tracks. Obwohl in der Grundsubstanz sehr ähnlich, wird der Anspruch und die Spannung über die ganze Albumlänge gehalten. Selbst nach Track Nr. 12 fragt man sich, was das nächste Stück bringen mag – eine Eigenschaft, welche die CD deutlich vom Veröffentlichungsallerlei im diesem Bereich abhebt. (FS) 13 Punkte

DIORAMA - The Art Of Creating Confusing Spirits (Accession/EFA)
Beinahe hätte ich gesagt, DIORAMA sind nicht wiederzuerkennen. Anscheinend zum Trio angewachsen (das legt jedenfalls das Foto im Booklet nahe), lässt der Guckkasten unerwartete Töne vernehmen. Eine peppig programmierte Basslinie und ein eingängiger Beat – ’Velocity’ verrät schon, wohin sich die Sache auf dem so wichtigen dritten Werk entwickelt. Tanzbarkeit wird hochgeschrieben, modernes Elektronikgeschepper hat die melancholischen Klavierarrangements des Erstlings abgelöst. ’Klarheit’ lärmt für DIORAMA-Verhältnisse sogar ganz schön vor sich hin. Fans des Erstlings werden alte Spuren in ’Kiss Of Knowledge’, ’Brainwashed’ und ’The Convenience Of Being Absent’ ausmachen. Einzige markante Konstante in der Entwicklung DIORAMAs ist Torbens Gesang. Ich bin mir noch unschlüssig, ob die Veränderung des Sounds auch durchweg eine Verbesserung ist. Neue Käuferschichten erschließt sie sicher. www.diorama-music.com (RH) 9 Punkte

DJ HELL - Electrobody Housemusic (International Deejay Gigolos)
Das Münchener Label International Deejay Gigolos gehörte in den letzten Jahren dank seiner ausgeprägten Marketingstrategie und einigen erfolgreichen CDs zu den bekanntesten im Bereich Electro. Geleitet wird das Label von dem Bayern Helmut Geier, vielen bekannt unter seinem Künstlernamen DJ HELL. 1997 gründete er Gigolo in der deutschen Schickeria-Hauptstadt. In nur wenigen Jahren gelang es ihm mit einer bemerkenswerten Strategie, das Electro-Label mit den Muskelmännern als eins der wichtigsten in Deutschland zu etablieren. Dabei ist sein Rezept zum Erfolg recht einfach: Hell erfindet das Rad stetig neu, packt alte Ideen in futuristisches Gewand, etikettiert Althergebrachtes neu und verkauft dies erfolgreich. So wird auch auf der neuen Doppel-CD aus Electronic Body Music (EBM) electrobody-housemusic. Toll! Diese neue Musikspartenbezeichnung lässt Hell auch gleich auf das CD-Cover drucken, direkt unter sein hochstilisiertes Portrait. Dazu noch ein netter Text, in dem verklärend postuliert wird, dass Hell einer der Überväter der Electro-Bewegung ist, und fertig ist das neue Produkt.
Der Sampler an sich ist klassischer Gigolo-Durchschnitt, nach zwei Songs ist das Muster erkannt: Dieses mal werden die 130 bpm stiller gehalten und die Melodien schriller gedreht, in ständiger Wiederholung. So wie es Daft Punk vormachte. Weitere musikalische Höhepunkte fallen weg, die Fast Forward- oder Skip-Taste wird immer häufiger betätigt.
Auch die zweite CD, der Musikrichtung EBM gewidmet, die DJ HELL, so das Booklet, seinerzeit mit berühmt gemacht hat (eine durchweg witzige Vorstellung ... das werden wohl so einige Deejays von sich behaupten), ist eher Durchschnitt. Der Mix aus altbekanntem Tracks (’Headhunter’, ’Join In The Chant’) wird ergänzt mit modernen Nachahmern (Fixmer, Caretta) und langweilt auch zu schnell... Die klobigen Beats, die auf den ursprünglichen Releases durch ihre kalte Rohheit mitrissen, wirken überdreht und kraftlos. Nothing new from the munich front.
(SK) 4 Punkte

FAD GADGET- Collapsing New People 2003 (Mute)
Blasphemie, ganz klar. Könnte man denken. Jetzt, wo Frank Tovey tot ist und "Herr Lehmann" verfilmt wird, interpretiert man den definitven Monsterhit von Fad Gadget als Berlin-typsichen Track und re-releast. Westbam remixt einen Track, bei dem es eigentlich nichts zu remixen gibt. Das weiß auch Westbam, der das Stück dann in seiner Struktur erhält und eher auf die Industrial-Sounds von den Neubauten fokusiert (damals mit Tovey im Berliner Hansa-Studio zu Gange), fügt eine Bassdrum hinzu und kriegt die Kurve. Glück gehabt. Auf der B-Seite remixt John Aquaviva das ebenso legendäre "Lady Shave", arrangiert alles ein bisschen tighter und moderner, achtet aber genauso auf die eigentliche Songstruktur und so geht das eigentlich auch total ok, auch wenn beide Originale einfach immer noch unerreicht sind. Glück gehabt!

GORAN BESOV - Elements (Mhz)
Auch schon eine Ecke älter ist diese Megahertz-Veröffentlichung. Im Vergleich zu den Label-Hausmeistern von Klangstabil wird hier geradezu einfach zu hörende Musik gemacht. Klare Strukturen, keine allzu fiesen Sounds (aber ein paar Nettigkeiten hat GORAN BESOV schon auf Lager), eine gewisse Eingängigkeit weit entfernt von jeglicher Anbiederung an Techno. ”Elements” entbehrt nicht einer gewissen Schwere, die schon von Beginn in ihren Bann zu ziehen weiß. Auf der B-Seite werden wir geärgert: vorgetäuschtes Hängen der Platte, Rhythm ‘n‘ Noise und abgefahrene Kerker-Klänge in ‘Nylon Request‘. Das ist das Schöne an dieser Musik: Man kann sich nie sicher sein, ob das nun gewollt ist oder die Nadel zu lange verweilt. Dieser Klang zwischen bearbeitetem Elefantentrompeten und schrägen 60er-Jahre-Soundtracks verzückt mich einfach nur. ‘The Source Occupation‘: langsam, tief wummernd. Auf der C-Seite entwickelt sich ‘Prefer‘ ähnlich schon aus nervigen Grundnoises und einem Beat. ‘Silent Perversion‘ und ‘Detension‘ sind chillig, irgendwo zwischen kühler Beklemmung und heimeliger Vertraulichkeit. Mit ‘Media Termination‘ klingt die Seite aus, deren ambiente Prägung lobend hervorgehoben sei. ‘Psychophonic Consumption‘ startet die D-Seite wieder noisiger. ‘Escape From Necropolis‘ hat echtes Industrial-Flair: metallische Klänge, verzerrte Geräusche und experimentelles Arrangement. Daumen hoch! (RH) 12 Punkte

HERRMANN UND KLEINE - Kickboard Girl EP (morr)
Herrmann und Kleine - Kickboard Girl EP (MorrMusic/007) Nicht nur weil Thaddi Herrmann jederzeit um die Ecke kommen und mir auf die Finger hauen könnte, ist diese Platte grossartig, nein, Herr Kleine, sie klingt auch, ganz objektiv, nahezu gottgleich und endlos gelassen. So. "Kickboard Girl" plinkert mit einer heimeligen Weihnachtsmelodie, sehr salopper 80er Electro Bassline und einem von der letzten Herrmann und Kleine EP weiter entwickelten Break, auf ein Plateaux von dem aus es mit einem hymnisch verklärten Blick die Welt überblickt, und die Welt war gut. So jedenfalls das Kickboard Girl hier unfreiwillig zitiert. Klassiker. Im "Take Care On The Corner" Mix versuchen sie, ähnlich wie bei Keksen, die unten Schokolade haben, und oben eher kräuseliges, die andere Seite der Geschichte in mehr Ruhe und strömender Klangbearbeitung zu betrachten, und siehe da, Erinnerungen sind linear, jedenfalls wenn sie eine Geschichte erzählen. "May in Fall" ist ein Amentrack, ja, Amentrack, mit Downtempobreaks, zerhackten Beats, und einer kitschig gut gelaunten Melodie drüber, die unbekümmert ob solcher Wiedersprüche und Ungestüme ihren Weg durch dezente wohlstrukturierte Erdbeben findet, ohne davon gross betroffen zu wirken. Auf der B-Seite, der wir uns jetzt zuwenden geht es mit "My Friend Sam" los, durch den Frühling, der immer zu sein scheint, wenn man ihn ruft, effektverliebt gebeugt und gebogen werden kann, wie überhaupt alles auf dieser Platte holistische Perspektiven nahelegt, auf "Sitting next to you" wird es fast psychedelisch rhythmisch, so als wäre das nebeneinandersitzen so etwas wie eine 60er Jahre Grundposition, und die Sitzkissen ein reines Füllsel, und wir hören hier mal einfach so auf, es ist eine Platte die vor lauter Bezauberung sich am liebsten sogar zweimal hätte.

KLANGSTABIL - Kantorka (Pflichtkauf)
Ende letzten Jahres präsentierten wir die Klangkünstler mit „Kantorka“ und ihr neustes Werk. Im Gegensatz zu den früheren Alben „Giocco Bambino“ und „Straftat gegen das Leben“ ist die E.P. „Kantorka“ durchwegs eingängig, wirkt sogar streckenweise ruhig. Teilweise lassen Boris und Maurizio Elemente einfließen, die an die großen AUTECHRE erinnern, aber verlieren nie die durchgehende winterliche Grundstimmung. Zu bemängeln ist allerdings die musikalische Einfachheit der Stücke, die beim zweiten oder dritten Hören einen Hauch von Langeweile aufkommen lassen, was bei Klangstabil eigentlich unüblich ist. Bei den vorhergehenden Alben hat man höchstens Hörpausen benötigt. Im Gesamtwerk Klangstabil´s scheint mir Kantorka als Album herauszustechen, dass sich thematisch mit der Liebe befasst (verschiedene Samples sollten beachtet werden!), was ich hier herausstellen möchte. Normalerweise glänzen Krachformationen doch durch ihre weltentsagenden Performances, und gerade Klangstabil erinnert mich live immer wieder an Throbbing Gristle...

LFO - Sheath (Warp)
Sieben lange Jahre haben die WARP - Heroen der ersten Stunde kein eigenes Album mehr produziert. Statt dessen bewährten sie sich als Produzenten, halfen bei anderen Projekten aus oder lieferten die Kompositionen zu so bekannten Alben wie HOMOGENIC von Björk. Den Rummel, den das neue Album verursacht, ist bei dieser Leistung verständlich, der Inhalt des Longplayers SEATH wird er allerdings nicht gerecht. Was früher ein avantgardistisches Duo war, das Diskotheken in der Heimatstadt mit selbst produzierten Tapes beglückte, welche dann dort zumeist zu Tanzflächenfüllern wurden, schwimmt heute, zum One-Man-Projekt geschrumpft, der aktuellen Entwicklung in der Musik hinterher. Einfache Industrial-Strukturen wechseln sich ab mit zuckersüßen Melodien, die von Klangteppichen getragen werden, die nach klassischer WARP-Manier zerstückelt wurden. Ein Album, das den Mythos LFO eher schadet als fördert. (SK) 8/ 15

MASAMI AKITA & RUSSELL HASWELL - Satanstornade (Warp/Zomba)
Endlich kann ich dem Legacy auch mal was Satanisches bieten: Steht doch ganz stolz WarpCD666 auf der Hülle dieses Werkes. Und abgefahrene Klingenwaffen finden sich auch noch. Also dann: Kaufen, kaufen, kaufen, ihr Freunde des Bösen? Man sei gewarnt: Gitarren finden sich ebenso wenig wie Beschwörungen an den Herrn der Finsternis. Eigentlich tut man sich schwer, irgend etwas auf der CD gut oder böse zu finden. Alle 4 Tracks bestehen aus fragmentiertem high-speed Noise, der keine Kompromisse kennt. Da lassen sich harsche japanische Traditionen erahnen, vielleicht noch vergleichbar mit härterem Zeug aus dem amerikanischen Underground. Man sollte den Schmerzfaktor nicht unterschätzen. Stücke, die die 10-Minuten-Grenze weit überschreiten und nur aus Lärmstakkatos bestehen, sind nur was für Hartgesottene. Man moduliert leicht, reißt kurz einmal eine Rhythmik an und fällt dann wieder zurück ins Chaos. Also wahrscheinlich für die meisten Käufer eher ein Stück mit Coolnes-Faktor als Musik. Für Freunde echten Lärms aber vielleicht auch eine Offenbarung. Ein Fakt zum Schluss: Es handelt sich um eine Liveaufnahme von 1999. (MST)

MONOLAKE - Momentum (Warp/Zomba)
Klischee: Elektromusiker, die sich selbst der Komplexität verschrieben haben und diese dann noch erschwerend aber beeindruckenderweise „gehobene Klangforschung“ zu nennen, sind eigenbrötlerische aber intelligente Personen, die in ihrer Freizeit entweder philosophische Pamphlete oder Software entwickeln, die vorzugsweise mit Musik zu tun haben. Dieses Klischee wird, wenn es sich erst mal etabliert hat, gerne von der Fangemeinde übernommen, die nach der kompletten Übernahme der angeblich vorgegebenen Verhaltensweise und deren weiteren Verbreitung eine Szene bilden. Magazine wie DE:BUG werden gegründet, die sich der Weiterverbreitung pseudointellektueller und schwer lesbarer Artikel und Rezensionen widmen und sich auf die unnötige Verwendung lustig klingender Fremdwörter bei jeder sich bietender Gelegenheit spezialisiert haben.
Man könnte meinen, Monolake sei der Ursprung dieses Hypes oder besser gesagt, er verkörpert ihn. Die Musik ist durchwegs intelligent, ihr Schöpfer, Robert Henke ist es auch. Darüber hinaus wohnt dieser in der gehypten Hauptstadt Berlin, die sich in den letzten Jahren zum europäischen Zentrum elektronischer Musik entwickelt hat und den Rest der Republik zu provinziellem vor-sich-hin-siechen verdammt. Und er schreibt Software. Und verdammt gute noch dazu. Und seine Musik, ja, seine Musik ist auch so eine Sache. Hypnotisch, herbstlich durchstrukturiert, in einer düster-melancholischen Stimmung gehalten. Die Stücke überschreiten oft die magische fünf-Minuten Grenze, an der sich oft die Spreu vom Weizen trennt. Hier merkt man es nicht. Man ist gefangen in den Beats, in der Stimmung. Die Verkörperung und Berechtigung jeglichen Hypes. (SK) 15/ 15

ORPHX - Other Voices (Hands)
ORPHX sind mit die Zugpferde des Dortmunder Industrial-Labels Hands Productions. Nach mehreren Releases erfreut sich der Kanadier einer für einen Industrial Act beachtlichen Popularität hierzulande. Umso erstaunlicher seine neuste Platte. Die 5-Track-EP „Other Voices“ lässt seinen sonst überbrodelnden Innovationsgeist auf ganzer Linie vermissen. Stiller Ambient, geradlinige Strukturen, düstere Atmosphäre, Wintermusik. Als Hörer muss man schon ein eingefleischter Fan von Dark Ambient sein, um diesem neuen Release gewogen zu sein. Auf 500 Exemplare ist die 12“ mit dem üblichen hochqualitativen Artwork limitiert, ein Sammlerstück also. (SK) 6 Punkte

PANACEA & NEEDLE SHARING & TARMVRED - Panacea Shares Needles With Tarmvred (Ad Noiseam/Ant-Zen)
Januar und schon ein Höhepunkt: erwartungsgemäß demonstriert dieser Release nicht nur die Klasse der darauf versammelten Produzenten, sondern auch, daß der in den vergangenen Jahren so intensiv verfolgte Crossover-Ansatz in der elektronischen Musik noch lange nicht ausgeschöpft ist. Die Fusion von Drum’n’Bass, Industrial und Noise ist kein neuer Ansatz, doch mit dieser CD liegt auf jeden Fall eine der besten Interpretationen dieses stilistischen Bastards vor. Dies liegt nicht zuletzt an dem außergewöhnlichen Ansatz, die der Kollaboration zugrunde liegt: jeder Künstler erarbeitet Tracks mit dem Soundmaterial eines anderen - ein verschriebener kreativer Grenzübertritt mit überzeugenden und zumal auch überraschenden Resultaten. Überzeugend vor allem deshalb, weil sich alle Künstler auch auf stilmäßig eher ungewohntem Terrain bestens zurecht finden, überraschend, weil neben den zu erwartenden Stilen Drum&Bass, Industrial und Noise mit Elektro, Techno und Reggae-Fragmenten noch weitere Stile ins Gesamtkonzept integriert wurden. Die Diversität der Produzenten und des verwendeten Soundmaterials ist dann auch die Stärke des Albums: vom langsam, verhalten-zahm groovenden Opener 'Clicks Per Second' von NEEDLE SHARING bis zum noisig-verzerrten Breakgewitter bei TARMVREDs Abschlußtrack 'Universalmedel' bietet das Album alles, was man von einer derartigen Kooperation erwartet. Weder PANACEA, deutsches Producer-Urgestein, noch die Newcomer des Jahres 2001 NEEDLE SHARING und TARMVRED leisten sich auf dem knapp einstündigen akustischen Kräftemessen irgendwelche Schwächen oder Fehltritte und machen diesen Release so zu einem Quasi-Pflichtkauf für Fans ohne Stilscheuklappen. (FS)

PHILLIPE CAM - Karine (traum 04)
Mit der zweiten Platte des Franzosen erscheint eine weitere Modulations Synthonie. Lebte ein Manuel Göttsching in den Werken diversester Produzenten aus Detroit (Carl Craig, Derrick May) weiter, so belebte er ein Genre, das an seine Grenzen gekommen zu sein schien. Völlig ohne Pathos und Techno Attitüde erschliesst er sich dieser Welt auf eine gänzlich natürliche, lässige Art und Weise, verzichtet dabei wie schon zuvor auf jegliche Bassdrum Rhythmen. Spannende 29 Minuten!

PLACID - Skull Ov A Pussy (Hands)
Nach langem warten kommt das Projectro Mirage Nebenprojekt PLACID von dem umtriebigen Hands-Label auf uns zu. Was heißt auf uns zukommen, es wälzt sich uns entgegen und über uns hinweg (’Engelsschwarz’) und hämmert dabei den halben Schädel weg (’Die Ma Darling Die’ oder ’Kosmischer Tankwart’). Verantwortlich für die Zertrümmerung des „Skull Ov A Pussy“ sind Francisco Planellas und Alicia H. Willen alias Proyecto Mirage. Tatkräftige Mithilfe kommt von Helmet, dem Dritten im Bunde (fehlleitendes Pseudonym, da denkt man ja sofort an die geilen Amis um Page Hamilton), der alle Texte und viel Geschrei beisteuert. Wo wir schon bei den Texten sind: Die sind leider so lasch gedruckt, das es keinen Spaß macht, diese vor dem lehmbraunen Hintergrund zu lesen. Postindustrielle Sinnesverwirrung also auch im Layout. Proyecto Mirage hilft als Referenz hier im Übrigen wenig weiter, da gerade der raue Stimmeinsatz von Helmet „Skull Ov A Pussy“ seinen Stempel aufdrückt. Die Maschinen werden eher zum Zermatschen eingesetzt, erzeugen tiefe und bedrohlichere Klänge, als man es von den schneidend scharfen Rhythmuskanonaden Planellas und Willens kennt. So klingt dieses Werk schwerer und ernster im Vergleich zu den Veröffentlichungen der Spanier, die sonst zum spaßigen Abfeiern geradezu einladen. ’Nosebleed’ und ’Satani Vomoti’ geben der Sache noch stärkeren Drive durch traditionelle Drumrhythmen, machen die Atmosphäre aber weder fröhlicher noch freundlicher. Schwere Kost. Und das im Winter. Ach so, vielleicht sorgt die (schon klassisch) dumpfe, fünfminütige Coverversion des ’Mussolini’ ja für Stimmung. Kontakt: infoplacid@lycos.com (RH) 9 Punkte

PSYCHO BITCH - Eden (Noiseland)
Verkleidet als Newcomer präsentieren bekannte Industrialmusiker neuen Sound, ohne bahnbrechend zu werden. Der Bandname „Pzycho Bitch“ und das Artwork des Debutalbums versprechen dem Hörer ein futuristisches Musikabenteuer. Und tatsächlich gelingt mit „Eden“ ein Sountrack zu einem Sience - Fiction - Manga der späten 90er. Die Mitglieder des Projektes stammen von den Industrialformationen S.I.N.A und Mono No Aware (beide HANDS), die unter Industrialkennern bereits als Bands eingestuft werden, die den harten Elektrosound reif für das kommende Jahrzehnt machen.
„Pzycho Bitch“ präsentieren auf „Eden“ verfeinerten Digital Hardcore mit deutschen und englischen Texten. Wer allerdings mit dem dieser musikalischen Sparte vor allem Atari Teenage Riot verbindet, wird auf dem Debutalbum von Pzycho Bitch die kakophonische Brachialität der Berliner Krachheroen vermissen. Eden ist ein sehr homogenes Album mit dem Hang zur musikalischen Verspieltheit, allerdings ohne nennenswerten musikalischen Höhepunkt.
Auf den 13 tracks verfeinern die Krachmusiker ihre Beats, ersetzen brachiale Passagen durch technoide Elemente und geben dem Gesamtwerk dadurch mehr Tanzbarkeit. Sinas verzerrter Sprechgesang ist treibend, aber die versprochene Erotik (ist das Gestöhne auf „bitch“ gemeint?) ist höchstens auf dem Mangacover zu verspüren. Alles in allem ein Album, das für die harte elektronische Musik im Gruftie - Bereich einen erfolgversprechenden Weg aufzeigt.

S.I.N.A. - Back In Stereo (Hands)
Streicher aus dem Synthesizer, eine einfache Basslinie, Beats aus dem Drum’N’Bas-Versand treffen auf das übliche Electro-Gebollere. So geht es in ’Die Your Life’ los: erst witzig, dann aggressiv. ’Go Home’ schlägt annähernd in die gleiche Kerbe, wobei der typische Rezitationsstil Sinas präsenter ist. Der Remix von Needle Sharing zu ’Die Your Life’ unterlegt Sinas Gesang mit halsbrecherischen Breakbeats. Beinahe zuviel Unordnung und zu wenig Atmosphäre. ’Strong Ahead’ ist gewohnt rhythmischer Electro-Industrial, dem aber irgendein klares Ziel fehlt. Die Farben bearbeiten ’How Long – Back In Sun’ mit spaßig-ironischem Unterton. Der dritte neue Song ’Fragile Woman’ komplettiert die rein tonale Seite dieser EP. Etwas zum Lachen gibt es mit dem Videoclip zu ’Die Your Life’ – ob aus Sympathie oder Antipathie bleibt Euch überlassen, denn: Pink macht albern! (RH)

Smash TV - Now! ep (bpitch control)
Eine ziemlich sympathische Art mit Retromethoden umzugehen ist die von Smash TV, denn obwohl sie mit Sprachsamples und albernen Melodien nicht grade zimperlich umgehen, sitzt das Ganze immer tief und fest im Sattel digitaler Effekte und Spielerein, die aus Hits erst wirkliche Hits machen. Die ganze Platte ist ein einziges Gimmick zu dem man aber auch noch tanzen kann. Mitsingen dürfte auch gehen und wem "I Love You Now" zu forsch ist, der kann sich in dem knatternden Krabbeln der Sounds von "Taste" verkriechen, auf "Flashdance" seine Robokünste verfeinern,oder zu "Crashdown" in die Dubdiskodusche verschwinden.

SQUAREPUSHER - Do You Know Squarepusher (Warp/Zomba)
An der Etablierung und Popularisierung des Musikstils Intelligent Dance Music war und ist das Label maßgeblich beteiligt, wenn nicht Speerspitze dieser Bewegung. Künstler wie Aphex Twin oder Autechre haben hier ihre Platten veröffentlicht, die anerkannt sind als Meilensteine der elektronischen Musik. Auch SQUAREPUSHER hat hier seine Heimat gefunden und legt mit „Do You Know Squarepusher“ ein angenehm verschroben-quietschiges Doppelalbum vor, wie es erwartet wird. Das neue Studiomaterial hält sich dabei an die Vorgaben der vorangegangenen Alben: Ein durchgehender Beat wird möglichst vermieden; die treibende Kraft gewinnen die schnellen Stücke durch die ungestüme Abfolge zerrissener Beat-Loops, zerhackter Vocal-Parts und süßer Melodien. Die Musik ist oft zum Hinhören gedacht, weniger zum Tanzen als vielmehr zum Genießen. Doch es ist nichts Neues auf der Scheibe. So quer auch die Songstrukturen sein mögen, sie überraschen nicht mehr, das Aha-Erlebnis erfolgte bereits bei den Vorgängern. Konstanz ist, wenn man so will, die Stärke dieser Platte; der Käufer weiß, was er zu erwarten hat, wenn er sich für „Do You Know Squarepusher“ entscheidet.
Ergänz wird die Scheibe durch einen Livemitschnitt eines Konzertes von SQUAREPUSHER in Japan, dass alle bisherigen Hits des britischen Künstler beinhaltet. Allerdings ist die Qualität der Aufnahme unter aller Sau und vermindert so den vollen Hörgenuss. (SK) 7 Punkte

SYNAPSCAPE - Raw (Hands)
Rare und unveröffentlichte Stücke aus den Jahren 1994-2001 präsentieren die Herren Krieg und Münch auf „Raw“. Hochverzerrte Frequenzen zu manipuliertem, gepresstem Geflüster in ’Disrevield’ geben einen minimalistischen Anstrich. Der Stimmeinsatz in ’Sorrow’ könnte auch bei Death-Metal-Fans punkten und den nächsten Godzilla synchronisieren. Spuren von Dub (in ’Anti Part’) stehen neben Pfeif-Gewittern (’Narcotica’), Ameisen-Ambient (’3rd In The Orbit’), Tribal-Experimenten wie in ’Bushhead’ und dem witzigen Sprachspiel ’Cannes’, in dem eigentlich nur noch ein Sample mit Bezug auf das berühmte Festival fehlt. Wie es klingt, wenn SYNAPSCAPE Electronica produzieren, hört ihr in ’Disorder’. In ’Esp’ zeigen sie sich noch eher an einzelnen Klängen interessiert; ihre rhythmische Seite ist mit ’Stop Yield’ vertreten. Kommt im schlicht-schönen grauschwarzen Kartoncover. homepage (RH) 9 Punkte

TARMVRED - Subfusc (Ad Noiseam/Ant-Zen)
Nach seiner letztjährigen Demo-EP liefert TARMVRED nun mit "Subfusc" einen überzeugenden Debut-Longplayer ab. Das Projekt des Schweden Jonas Johansson zeichnet sich vor allem durch eines aus: seine Vielseitigkeit. Genau diese macht es auch unmöglich, TARMVRED spontan einem bestimmten Genre zuzuordnen, denn neben Rhythmic Noise finden sich auf der LP auch Hard Tek, Drum & Bass und ansatzweise ambiente Einflüsse. Noch beeindruckender als die versammelte Stilvielfalt ist aber, wie Johansson die unterschiedlichen Bestandteile vereint. Mühe- und respektlos verbindet er harte 4/4-Rhythmen mit stompenden Breakbeats, Noise-Sequenzen und eine Vielzahl verschiedener Samples zu einem überraschend schlüssigen Ganzen. Ergänzt werden die sechs TARMVRED-Tracks durch eine hart-treibende Remix-Version von 'Subfusc Part 2', für die Converter verantwortlich zeichnete. Dieses Album ist zweifellos ein Ausblick auf das, was Rhythmic Noise in Zukunft sein könnte. Gespannt sein darf man auf jeden Fall auf Johansson anstehende Zusammenarbeit mit Drum & Bass-Pionier Panacea und Hands-Artist Needle Sharing, die Split-CD erscheint zum Jahresende auf dem Berliner Label Ad Noiseam. homepage (FS) 13 Punkte

ULVER - 1193-2003: 1st decade in the machines (Jester)
Unglaublich! Eine dieser Bands, die unter der Bezeichnung Dunkelmetaller norwegischer Prägung feiern die zehn Jahre ihres Bestehens mit einer Compilation, die tatsächlich ein Highlight darstellt. Namhafte Künstler wie Bogdan Raczynski oder Jazzkammer haben sich zusammengefunden, um Songs, in denen früher die E-Gitarre die Hauptrolle spielte, umzuinterpretieren und aus einem klassischen Best Of ein vollkommen eigenständiges Album zu machen, das an Eigenständigkeit kaum zu übertreffen ist. So unterschiedliche Künstler wie UPLAND oder MERZBOW vergreifen sich an den Songs der Nordländer, jeder auf seine Weise und ohne geringsten Respekt vor den Originalstrukturen, und zustande kommt eine Best Of, ein Tribute to Album, das sich tatsächlich sehen lassen kann. Ob es nun Clicks und Cuts sind, die das Klangbild bestimmen oder wuchtige Bässe, die an alte Trip Hop Zeiten Bristoler Machart erinnern, das Werk ist in sich stimmig, kein Stück liegt neben der eingeschlagenen experimentierfreudigen Linie. Mal angenehm ruhig, mal treffend beatlastig gipfelt die Scheibe in den den japanischen Krachkakophonien des Japaners Merzbow, und bleibt trotz der stilistischen Unterschiede zu jedem Zeitpunkt ein in sich stimmiges Album. Tipp! 13/ 15 sk
VENETIAN SNARES - Doll Doll Doll (Hymen)
Eines ist “Doll Doll Doll” bestimmt nicht: linear und schematisch. Was man von Aaron Funk alias VENETIAN SNARES auch nicht erwartet hätte. Spannend wird die Mixtur aus Breakbeat und Drum’n’Bass erst dadurch, daß der Nordamerikaner/Kanadier (?) sich nicht scheut, Klavier, Apocalyptica-Celli, MC-Gerappe und andere Ungewöhnlichkeiten in seine Musik zu inkorporieren. Dabei geht er nahezu unberechenbar vor. Vorhersagbarkeit ausgeschlossen. Nicht so hart wie Needle Sharing oder Panacea, dafür reicher an Elementen aus externen Kontexten. ’Befriend A Childkiller’ ist so ein Fall: Sci-Fi/Ambient-Klänge werden aus lichten Höhen in düster umwölkte, erdnahe Sphären verschoben, eine böse Stimme schaltet sich zu, dann bricht das Breakbeat-Geklopfe los. Schon ist ein etwas anderer Beitrag zur Szene entstanden. Lohnt sich. homepage. (RH) 12 Punkte

VROMB - Le Tourne-disque (Ant-Zen)
Hugo Girard knüpft mit dieser niedlichen 3“ CD bzw. 10“ LP an das Konzeptalbum „Episodes“ an. Rhythmische Klangschichtungen, zarte Beats und atmosphärisches Hintergrundsrauschen machen die drei Stücke ’Le Jouet Électrique’, ’Audio-Téléphonisme’ und ’Episoscopie (Histoire De Camion)’ gut hörbar und spannungsbetont zugleich. Vielleicht eine Beat-orientierte Alternative zu Alec Empires „Low On Ice“ für Arktisfahrer? homepage (RH)

V.A. - 2002 Agassi-im-Weltraum (köln-indie s.a.m.p.l.e.r.)
Nicht immer hält der Inhalt, was die Verpackung verspricht. Was verspricht jedoch eine Verpackung mit Covermotiv „agassiwal träumt im FDP-weltall“ sowie ein dilettantisch zusammengeschnipseltes Booklet mit psychopathisch dreinblickenden Männern und Kettensägen-Amazone? Der Inhalt ist ein entsprechend diffuser Kosmos von Word-Art, Dada-Lyrik, Pop, Samples und Soundcollagen, angetrieben durch Breakbeats und acid-elektro. Die Titel sind beeinflusst durch Kraftwerk, Neue Deutsche Welle und Atari-Sound, man fühlt sich zurück gebeamt in die achtziger Jahre.
Besonders hervorzuheben ist Aski Elber, deren Werke präzise Alltagsbeobachtungen mit hintergründigem Witz verbinden. Aber auch Harald „Sack“ Ziegler, der groteske Refrains wie: „Barbie, i will make you sweat“ mit Akkordeon vorträgt. Erlaubt ist, was Spaß macht: Gerald Geheim intoniert: „Ich hasse so gerne, sogar den Mond und die Sterne...“. Ja, so was brauchen wir! Rotzfreche, verwirrende Texte, die einen nicht kalt lassen und konsequent anarchisch verpackt sind. Trotzdem geht es nicht nur um Quatsch und Blödelei, die Künstler setzen sich auch mit kontroversen Themen wie Alkohol -und Drogenmissbrauch oder Tierjagden auseinander. Wer aber political correctness oder bedeutungsschwangeres Songwriting erwartet, wird hemmungslos enttäuscht. So wird man die CD entweder lieben oder hassen - der Inhalt hält jedenfalls, was die Verpackung verspricht: 2002: Agassi im Weltraum. (DK)

V.A. The Vaults Of Sound Engineer Jeff Nieckau: Rough Beats From Peru & Trinidad 72-76 (Crippled Dick Hot Wax / EFA)
Ja, es gab sie mal. Die Visionäre mit Mission. In einer Zeit als der Begriff „Aussteiger“ noch nicht mit dauerbekifften Exildeutschen auf Mallorca, die ihren Segen im Strohhalm- und Eimerverkauf für diverse blöde Trinkspiele finden, verbunden wurde.
Jeff aka Gerhard Nieckau, damals seines Zeichens Toningenieur, mag aus musikalischer Sichtweise dabei herausstechen. Für das Crippled-Label hat er seine Schatzkammern geöffnet und zum Vorschein kommen diverse Leckereien. Die vorliegende aktuelle Compilation darf gerne die Aussage der vor Kraft nur so strotzenden Bossa 70–Nummer „Get Out Of My Way (You Ugly Face)“ allen Ethno-Pop-Platten und einfach strukturierten Weltmusik-Samplern entgegenschreien!
Denn das deutsche Pendant zu David Byrne (um Nieckau ein wenig verdienten Honig ums Maul zu schmieren) hat gleichsam die Gründerväter verschiedener karibischer Musikstile vors Mikrofon gebeten: Nüchtern-kritische, zeitlose street poetry von Lancelot Layne in seinem Rapso „Yo Tink It Sorf?“ oder „Endless Vibrations“ von Garfield Blackman aka Lord Shorty, der mit dieser Soca-Nummer, einer uptempo Variante des traditionellen Calypsorhythmus, Bewegung ins Tanzbein zaubert. Dass die Formel „Musik für Bauch, Bein und Kopf“ erneut aufgeht, beweist auch der Jazzpianist und Architekt Clive „Zanda“ Alexander mit seinem herrlich-frischen „Chip Down“.
Erwähnenswert sind neben den Coverversionen von Bossa 70, „Barimbao“ und „Think“, die Instrumentals der Gay Flamingoes Steelband. Für jeden Steeldrum-Connoisseur ein absolutes Muss. Viel Neues gutes Altes gibt’s zu entdecken... Rare grooves and kinky beats. Stay with it! (JB)

WILT - Amidst a Spacious Fabric (Ad Noiseam/Ant-Zen)
Zu dem Instrument Zither fallen einem spontan nicht sehr viele Dinge ein: volkstümliche Musik, bayerische Subkultur und Fernsehsendungen mit mehr als zweifelhaftem Unterhaltungswert sind wohl die naheliegendsten Assoziationen. Das urtümliche Instrument mit Dark Ambient in Verbindung zu bringen, scheint hingegen gänzlich abwegig. Daß dem nicht so ist, beweist James Keeler alias WILT mit seinem dritten Album, denn alle auf "Amidst A Spacious Fabric" verwendeten Sounds entstammten ursprünglich den Saiten einer Zither. Elektronisch meist bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, arrangiert Keeler die Sounds jedoch zu etwas, was von deren volkstümlichen Ursprung kaum weiter entfernt sein könnte: Dunkel oszillierende Flächen, Drones, Echos, Soundfragmente und Zitherpartikel entstehen, flackern kurz auf und verschwinden durch Wände aus dicht verwobenen Baßfrequenzen. Trotz der so geschaffenen bedrohlichen Atmosphäre verliert sich der Sound nie in reiner elektronischer Kälte, sondern bewahrt sich stets etwas Organisches, eine dauerhaft präsente akustische Restwärme. Obwohl die Soundästhetik, die Keeler auf seinem Album entwirft, den Vergleich mit Lustmord oder Megaptera nahelegt, ist "Amidst A Spacious Fabric" nicht zuletzt aufgrund der außergewöhnlichen Klangquelle ein bemerkenswert eigenständiges und innovatives Album. Von schöpferischen Pausen scheint WILT indes nichts zu halten, denn neben einer Kollaboration mit Tarmvred kann sich der geneigte Hörer in den nächsten Monaten auch noch auf diverse Compilation-Beiträge des Amerikaners freuen. (FS) 12 Punkte